1874–1958

Alfred
Ganz-Wolff

Unternehmer, Kunstmäzen und Menschenfreund

Alfred Ganz-Wolff war der Onkel von Josef Ganz, dem jüdischen Ingenieur und Automobilpionier. Sein Bruder Hugo Ganz war ein renommierter Journalist und Buchautor. Als Direktor der Julius Sichel & Cie in Mainz und humanistisch gesinnter Mäzen bot Alfred in dunklen Zeiten Schutz und Zuflucht für jüdische Familienmitglieder in seiner Villa Solina in Luzern, Schweiz.

Porträt von Alfred Ganz-Wolff
Alfred Ganz-Wolff Porträt folgt
Scrollen zum Entdecken

Eine persönliche Widmung

Als Verwandter von Josef Ganz und Urenkel von Alfred Ganz widme ich diese Seite dem Andenken an einen Mann, der nicht nur geschäftlichen Erfolg erzielte, sondern seine Position und Mittel nutzte, um in Zeiten größter Not Menschlichkeit zu bewahren. Nach jahrelanger Arbeit mit dem holländischen Ganz-Biografen Paul Schilperoord für die Aufarbeitung des Lebens von Josef Ganz möchte ich nun auch die Geschichte seines Onkels Alfred bewahren – eines Mannes, dessen humanistische Werte und Taten nie vergessen werden sollten.

— Lorenz Schmid

Die Verbindung

Alfred Ganz-Wolff war der Onkel von Josef Ganz, dem jüdischen Ingenieur und Automobilpionier. Sein Bruder Hugo Ganz war ein renommierter Journalist und Buchautor. Als Direktor der Julius Sichel & Cie in Mainz und humanistisch gesinnter Mäzen bot Alfred in dunklen Zeiten Schutz und Zuflucht für jüdische Familienmitglieder in seiner Villa Solina in Luzern, Schweiz.

Lebensweg & Wirken

Alfred Ganz wurde am 8. November 1874 an der Rosengasse in Mainz geboren. Seine Eltern waren Moritz und Karoline Ganz, die eine koschere Metzgerei betrieben. Alfred hatte acht Geschwister, von denen zwei im Kleinkindesalter starben. Er besuchte Grund- und Mittelschule in Mainz und schloss mit der mittleren Reife ab. Anschliessend begann er am 15. April 1890 die Lehre als Kaufmann des Eisenhandels bei der Fa. Julius Sichel in Mainz, wo er anschliessend auch arbeitete.

Am 7. Februar 1904 heiratete er eine Bekannte seiner Schwester Ida, Valerie Wolff. Sie hatten zusammen die Kinder Ernst (1904), Felix (1906), Madelaine (1908) und Elisabeth (1911). Alle Kinder wurden in Luxemburg geboren, wo Alfred – der 1903 Teilhaber der Fa. Sichel wurde – gute Aussichten sah, die Firma zu entwickeln. Luxemburg lag im Zentrum der Stahlgewinnung in Europa mit dem Ruhrgebiet, Lothringen, Belgien und Luxemburg selber. Als der andere Teilhaber, Ferdinand Sichel, seinen 18-jährigen Sohn verlor, zog er sich aus der Firmenleitung zurück, und Alfred übernahm die Mehrheit der Gesellschaft.

Alfred war ein weitblickender, aktiver Unternehmer. Er erkannte die Bedeutung sowohl von Carbid wie auch von Lötzinn als zukünftige Handelsartikel, und so wurde die Fa. Sichel vom Handelsunternehmen zum Produzenten. Durch seine grosse Schaffenskraft wurde sie zu einem bedeutenden Unternehmen mit Hauptsitz in Luxemburg mit Tochtergesellschaften in Deutschland, Frankreich und Belgien.

In Thonon am Genfersee kaufte Sichel ein Elektrizitätswerk, um eine Fabrik für Carbid zu errichten. Diese nahm 1914 den Betrieb auf. Als der Leiter dieser Fabrik plötzlich verstarb, sah sich Alfred gezwungen, mit seiner Familie nach Thonon zu ziehen. Als der 1. Weltkrieg ausbrach, musste die Familie Thonon fluchtartig verlassen und zog nach Wiesbaden, wo Alfreds Eltern wohnten.

Alfred wurde ins Militär eingezogen. Dank seiner Französischkenntnisse wurde er dem Bahnüberwachungsdienst zugeteilt. Seine guten Beziehungen verhalfen ihm zum Einsatz auf der Strecke Saarbrücken – Thionville – Luxemburg, wodurch er auch seinen privaten Tätigkeiten nachgehen konnte. Nachdem seine Carbidproduktion von den Franzosen konfisziert wurde, fand er neue Quellen in der Schweiz beim Carbidwerk von Herrn Frey Fürst am Bürgenstock.

Diese Kontakte führten dazu, dass er sich in St. Niklausen bei Luzern niederliess. Am 1. Mai 1918 zog die ganze Familie in die »Solina« ein. Von hier aus führte er den ständig wachsenden Sichelkonzern. Im Jahre 1921 erhielt er von der Universität Giessen den Ehrendoktor. In den zwanziger Jahren erwarb er in Grône im Wallis eine Anthrazitkohlenmine und gründete 1923 in Buchs bei Zürich gemeinsam mit der Bank La Roche die Blockmetall, einen Produzenten von Lötzinn.

In der Rezession von 1929 und dann vorwiegend durch das Aufkommen der Nationalsozialisten wurden die deutschen Unternehmen beschlagnahmt und die Unternehmen in Luxemburg und Frankreich sequestriert. Den 2. Weltkrieg überlebte die Familie in St. Niklausen. Die Kohlenmine wurde zum grossen Glücksfall, da Kohle in der Schweiz Mangelware wurde.

Alfred Ganz war ein grosszügiger und offener Mensch. Seine Frohnatur brachte ihm viele Freundschaften, auch in der Geschäftswelt. In seinem Leben hat er unzähligen Menschen geholfen; besonders seine nähere und weitere Familie verdankte ihm viel. So beherbergte er seinen Bruder Cäsar mit Frau Emilie und auch die Schwiegereltern seiner jüngsten Tochter während der ganzen Kriegszeit. Im Alter von 84 Jahren verstarb er nach kurzer Krankheit.

Alfred Ganz-Wolff und sein Bruder Hugo Ganz
Alfred Ganz-Wolff (links) mit seinem Bruder Hugo Ganz

Steckbrief

Titel
Generaldirektor, Dr. phil. h.c.
Unternehmen
Julius Sichel & Co. (Sichel-Konzern)
Wirkungsorte
Mainz, Luxemburg, Luzern
Ehrendoktorwürde
1921, Ludwig-Universität Gießen
Villa Solina
St. Niklausen bei Luzern
Familie
Vier Kinder: Ernst, Felix, Madelaine, Elisabeth
Ehrendoktorurkunde
Ehrendoktorurkunde (Dr. phil. h.c.), Universität Giessen, 1921

Wichtige Verwandte

Ehefrau

Valerie Ganz-Wolff

1881–1967

Als Tochter von Ferdinand und Mathilde Wolff wurde Valerie in Bad Kreuznach geboren. Ihr Vater besass das führende Musikhaus mit angeschlossener Geigenwerkstätte. Valerie absolvierte am Konservatorium das Reifediplom für Geige und Klavier. Mit 24 Jahren lernte sie Alfred über dessen Schwester Ida kennen. In der Villa Solina war sie eine hervorragende Gastgeberin für Gäste aus ganz Europa und führte mit Übersicht und Strenge den grossen Haushalt. Während des 2. Weltkrieges lebten unter ihrem Dach Alfreds Bruder Cäsar mit Frau Emilie, die Schwiegereltern von Tochter Elisabeth sowie zeitweise Sohn Felix mit Familie. Nach dem Tod ihres Gatten 1958 lebte sie bis zu ihrem Tod 1967 in der Solina.

Bruder

Hugo Ganz

1862–1922

Aus dem Pädagogen Hugo Ganz wurde ein zu seiner Zeit hochangesehener Journalist und Schriftsteller, ein intimer Kenner vor allem des europäischen Ostens. Er schrieb für die Frankfurter Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung. 1904 bereiste er zusammen mit seiner Frau das russische Zarenreich und nannte es: »Ein Land mit 30 Millionen Gefangenen und einer Million Kerkermeistern.«

Mehr zu Hugo Ganz →
Neffe

Josef Ganz

1898–1967

Jüdischer Ingenieur und Automobilpionier, der als technischer Berater und Redakteur der Zeitschrift »Motor-Kritik« die Automobilentwicklung massgeblich beeinflusste. Er entwarf den Standard Superior (1933) und gilt als einer der Väter des Volkswagen-Konzepts. Alfreds Bruder Hugo Ganz war Josefs Vater.

josefganz.org

Kunst & Mäzenatentum

Alfred sammelte leidenschaftlich Bilder. Georg Biermann, ein angesehener Kenner der Malszene, vermittelte ihm nur die besten Maler seiner Zeit. Auch Vlaminck und Derain waren in seiner Sammlung vertreten. Der Stadt Luzern stiftete er unter anderem das »Bronzemädchen« am Bahnhofplatz. Dem Kunstmuseum Luzern hinterliess er ein Gemälde von Wilhelm Trübner. Seine grosse Zinnsammlung von internationalem Ruf entstand beim Einkauf von Altzinn für seine Lötzinnproduktion.

Lovis Corinth

1858–1925

Lovis Corinth zählt zu den bedeutendsten deutschen Malern an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Als einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Impressionismus und Wegbereiter des Expressionismus schuf er ein umfangreiches Werk aus Porträts, Landschaften, Stillleben und mythologischen Szenen. Corinth war Professor an der Berliner Akademie und Präsident der Berliner Secession. Seine Werke hängen heute in den grössten Museen der Welt.

Verbindung zu Alfred Ganz

Der bedeutende Maler Lovis Corinth und seine Frau Charlotte Berend-Corinth, ebenfalls eine bekannte Malerin, waren mehrmals Gäste in der Villa Solina, so auch im Herbst 1921. Alfred und seine Frau empfingen die Künstler mit großer Gastfreundschaft. Während ihres Aufenthalts porträtierte Corinth Alfred Ganz – ein Werk, das nach nur drei Sitzungen vollendet wurde und allen Beteiligten außerordentlich gelungen erschien.

Lovis Corinth
Lovis Corinth Bild folgt

Roland Duss

1900–1980

Roland Duss war ein bedeutender Schweizer Bildhauer, dessen Werke den öffentlichen Raum in Luzern und der Zentralschweiz bis heute prägen. Seine expressiven Bronzeskulpturen, Reliefs und Porträtbüsten verbinden klassische Formsprache mit moderner Ausdruckskraft. Duss war ein Meister der figürlichen Plastik und wurde für seine lebensnahen, kraftvollen Darstellungen geschätzt.

Verbindung zu Alfred Ganz

Alfred Ganz war ein wichtiger Mäzen und Förderer von Roland Duss. Der Stadt Luzern stiftete Alfred unter anderem das »Bronzemädchen« am Bahnhofplatz – ein Werk von Duss, das bis heute ein bekanntes Wahrzeichen der Stadt ist. Die enge Verbindung zwischen dem Kunstmäzen und dem Bildhauer ist ein Beispiel für Alfreds Engagement für die Kunstförderung in seiner Wahlheimat.

Roland Duss
Roland Duss Bild folgt

Edel sei der Mensch, Hülfreich und gut!

Johann Wolfgang von Goethe, "Das Göttliche"

Dieses Ideal Goethes war Alfred Ganz' Leitstern, wie auch sein Nachruf betonte

Humanistisches Erbe

Alfred Ganz lebte nach diesen humanistischen Prinzipien. Anlässlich seines 30-jährigen Firmenjubiläums 1921 verzichtete er aufgrund der »Not der Zeit« auf eine festliche Begehung und spendete stattdessen großzügig für die Armen der Stadt Mainz, seinen Mainzer Turnverein sowie für eine Wohlfahrtsstiftung des Sichel-Konzerns.

Auch in seiner Wohngemeinde Horw in der Schweiz galt er später als Gönner der Künstler, Förderer des Sportes und Freund der Hilfebedürftigen. Er setzte sich mit Überzeugung für die Bestrebungen der Europa-Union ein, in der er das Heil des Kontinents erblickte, und wurde dafür zum Ehrenmitglied der Schweizerischen Europa-Union ernannt.

St. Niklausen bei Luzern am Vierwaldstättersee

Villa Solina

Ein Ort der Zuflucht und Gastfreundschaft

Eingang zur Villa Solina

Eingang zur Villa Solina

Namensschild der Villa Solina

Namensschild »Solina«

Am 1. Mai 1918 zog die ganze Familie in die »Solina« ein. Von hier aus führte Alfred den ständig wachsenden Sichelkonzern. Die Villa wurde Anlaufstelle für Gäste aus ganz Europa – Geschäftsfreunde, Künstler und Familienangehörige. Während des 2. Weltkrieges bot Alfred hier Schutz für jüdische Familienmitglieder: seinen Bruder Cäsar mit Frau Emilie, die Schwiegereltern seiner Tochter Elisabeth, sowie zeitweise Sohn Felix mit Familie. Valerie führte den grossen Haushalt mit Übersicht und Strenge und war allen eine hervorragende Gastgeberin.

Das Gästebuch der Villa Solina

Das Gästebuch der Villa Solina ist ein einzigartiges Zeitdokument. Berühmte Persönlichkeiten aus Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft haben sich darin verewigt – darunter der bedeutende Maler Lovis Corinth, der eigenhändige Zeichnungen hinterliess. Das Buch dokumentiert die lebendige Gastfreundschaft und den kulturellen Reichtum, der in der Solina gepflegt wurde.

Gästebuch Seite 1
Titelseite des Gästebuchs

Titelseite des Gästebuchs

1 / 3

Chronologie

1874

Geburt am 8. November in Mainz, Rosengasse. Eltern: Moritz und Karoline Ganz

1890

Beginn der Lehre als Kaufmann des Eisenhandels bei der Fa. Julius Sichel in Mainz

1903

Alfred wird Teilhaber der Fa. Sichel und gründet das Zweiggeschäft in Luxemburg

1904

Heirat mit Valerie Wolff am 7. Februar; das Paar zieht nach Luxemburg

1904–1911

Geburt der vier Kinder in Luxemburg: Ernst, Felix, Madelaine, Elisabeth

1914

Inbetriebnahme der Carbidfabrik in Thonon; Umzug der Familie; Ausbruch des 1. Weltkriegs

1914–1918

Militärdienst im Bahnüberwachungsdienst auf der Strecke Saarbrücken – Thionville – Luxemburg

1918

Umzug in die Villa »Solina« in St. Niklausen bei Luzern am 1. Mai

1921

Ehrendoktorwürde (Dr. phil. h.c.) von der Universität Giessen

1921

Besuch von Lovis Corinth und Charlotte Berend-Corinth in der Villa Solina; Corinth malt Alfreds Porträt

1923

Gründung der Blockmetall in Buchs bei Zürich gemeinsam mit der Bank La Roche

1920er

Erwerb einer Anthrazitkohlenmine in Grône im Wallis

1929

Weltwirtschaftskrise: Teile der Kunstsammlung werden in Berlin versteigert

1933

Einbürgerung als Schweizer Bürger in Horw

1930er–40er

Schutz jüdischer Familienmitglieder in der Villa Solina während der NS-Zeit

1958

Tod am 19. April in Luzern im Alter von 84 Jahren

1874

Geburt am 8. November in Mainz, Rosengasse. Eltern: Moritz und Karoline Ganz

Grabmal

Grabmal Alfred & Valerie Ganz

Die originale Marmortafel (ca. 300 kg) befindet sich heute im Besitz von Lorenz Schmid. Auf ihr sind verewigt: Cesar Ganz (1863–1947), Alfred Ganz-Wolff (1874–1958), Valerie Ganz-Wolff (1881–1967), Felix Ganz-Kermas (1906–1985) und Elfriede Ganz-Kermas (1905–2003). Dieses eindrucksvolle Zeugnis bewahrt das Andenken an die Familie und verbindet die Generationen über die Zeit hinweg.

Quellen

  • Curriculum Vitae (PDF) – Alfred Ganz (bereitgestellt von Lorenz Schmid)
  • Familien-Biographie – Alfred Ganz (bereitgestellt von Lorenz Schmid)
  • Familien-Biographie – Valerie Ganz-Wolff (bereitgestellt von Lorenz Schmid)
  • Privates Fotoarchiv (bereitgestellt von Lorenz Schmid)
  • Pressebericht zum 30. Geschäftsjubiläum bei Julius Sichel & Co., 5. April 1921
  • Luzerner Neueste Nachrichten, Nachruf vom 23. April 1958
  • Julius Sichel & Cie – Industriegeschichte Luxemburg
    industrie.lu/SichelJulius.html
Nachruf Luzerner Neueste Nachrichten