1862–1922

Hugo Ganz

Pädagoge, Journalist, Schriftsteller und Osteuropa-Kenner

Hugo Ganz war der ältere Bruder von Alfred Ganz-Wolff und Vater von Josef Ganz, dem jüdischen Automobilpionier. Als renommierter Journalist und Buchautor der Frankfurter Zeitung wurde er zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Kenner Osteuropas seiner Zeit.

Porträt von Hugo Ganz
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Ein literarisches Erbe

Hugo Ganz war ein zu seiner Zeit hochangesehener Journalist und Schriftsteller, dessen Werke und Reiseberichte ein einzigartiges Bild des europäischen Ostens um die Jahrhundertwende zeichnen. Als Vater von Josef Ganz, dem späteren Automobilpionier, und Bruder des Unternehmers Alfred Ganz verbindet seine Geschichte zwei der faszinierendsten Familienzweige der Familie Ganz.

— Lorenz Schmid

Die Verbindung

Hugo Ganz war der ältere Bruder von Alfred Ganz-Wolff und Vater von Josef Ganz, dem jüdischen Automobilpionier. Als renommierter Journalist und Buchautor der Frankfurter Zeitung wurde er zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Kenner Osteuropas seiner Zeit.

Lebensweg & Wirken

Hugo Ganz wurde am 24. April 1862 in Mainz als Sohn von Moritz und Karoline Ganz (geb. Diehl) geboren. Wie sein jüngerer Bruder Alfred wuchs er in einer Familie auf, die eine koschere Metzgerei betrieb. Hugo schlug jedoch einen gänzlich anderen Weg ein als sein Bruder: Er studierte an den Universitäten Leipzig und Giessen, wo er 1880 an der Ludwigs-Universität immatrikuliert wurde und Geschichte und Germanistik belegte. Noch während des Studiums war er als Referendar am Grossherzoglichen Gymnasium tätig und erteilte dort Latein, Deutsch und Turnen. 1885 promovierte er zum Dr. phil. mit der Dissertation «Stein, Schön und die Entstehung des Ediktes vom 9. Oktober 1807».

Als Gymnasiallehrer in Giessen entwickelte Hugo Reformgedanken zum Turnunterricht, die er 1888 in der Schrift «Turnsaal und Exercierplatz» veröffentlichte – ein Plädoyer gegen den militärischen Drill und für die Ausbildung des Einzelnen zur «höchstmöglichen Leistungsfähigkeit und Harmonie seiner Körper- und Seelenkräfte». In dem streng nach altem Stil ausgerichteten Gymnasium eckte er damit jedoch an. 1889 schied er aus dem Lehrbetrieb aus und wandte sich dem Journalismus zu. Er wurde Mitarbeiter beim «Pester Lloyd» sowie Korrespondent der «Frankfurter Zeitung» in Budapest. Dort heiratete er Marie Török (1872–1926). 1893 wurde ihre Tochter Margit geboren, die später den Regisseur und Schauspieler Jakob Feldhammer heiratete, und 1898 ihr Sohn Josef, der spätere Automobilpionier.

Ab 1899 war Hugo Redakteur bei der «Neuen Freien Presse» und ab 1902 bei der Wiener Zeitung «Die Zeit». 1904 wurde er Wiener Korrespondent sowie Theater- und Literaturkritiker der «Frankfurter Zeitung». 1907 übernahm er die Leitung des Feuilletons, kehrte aber bereits 1908 in seine Rolle als Korrespondent zurück. Seine Wiener Adresse war in der Peter Jordanstrasse 72 im 19. Bezirk. Im literarischen Wien seiner Zeit stand Hugo in Kontakt mit Arthur Schnitzler, der ihn in seinem Tagebuch gelegentlich erwähnte – die Beziehung blieb zeitlebens distanziert, aber wechselseitig wahrnehmbar.

1904 unternahm Hugo eine ausgedehnte Reise durch das russische Zarenreich. Seine Eindrücke fasste er in dem vielbeachteten Buch «Vor der Katastrophe. Ein Blick ins Zarenreich» zusammen, das auch ins Englische und Französische übersetzt wurde. Einer im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erschienenen Kurzbiographie zufolge «mutet» das Werk «heute wie eine Prophezeiung an». Auch sein Drama «Der Rebell» erzielte am Raimundtheater in Wien einen schönen Erfolg.

Für den Optimisten, der sich Vorstellungen von einer besseren, humaneren Welt gemacht hatte, brach 1918 mit dem verlorenen Krieg eine Welt zusammen. Hugo kränkelte und musste sich einer Operation unterziehen. Er legte seine Arbeiten nieder und zog mit seiner Frau Marie in die Schweiz. Im Sommer 1919 verbrachten sie erholsame Wochen bei seinem jüngeren Bruder Alfred in der Villa Solina bei Luzern. Dort nahm Hugo erneut den Faden seiner frühen Reformschrift «Turnsaal und Exercierplatz» auf. Am 10. Januar 1920 erschien in der Frankfurter Zeitung sein Beitrag «Friedensvertrag und Turnunterricht», in dem er erneut gegen den Gedanken antrat, dem Turnunterricht die Aufgabe einer militärischen Vorbereitung zu übertragen.

Hugo Ganz starb am 2. Januar 1922 in Frankfurt am Main. Das «Neue Wiener Tagblatt» würdigte ihn als Mann von «mannhafter Gesinnung» und «grosser publizistischer Begabung», dessen Schriften «von ehrlichem Wahrheitsdrang, gründlichem Forschen und freiheitlichem Empfinden» zeugten.

Steckbrief

Geboren
24. April 1862 in Mainz
Gestorben
2. Januar 1922 in Frankfurt am Main
Studium
Geschichte und Germanistik (Leipzig, Giessen), Dr. phil. 1885
Beruf
Gymnasiallehrer (1884–89), dann Journalist
Zeitungen
Pester Lloyd, Frankfurter Zeitung, Neue Freie Presse, Die Zeit, Neue Zürcher Zeitung
Ehefrau
Marie Török (1872–1926)
Kinder
Margit (1893–1975), Josef (1898–1967)
Hugo Ganz – Vor der Katastrophe (1904)

Hugo Ganz – Vor der Katastrophe, ein Blick ins Zarenreich — Frankfurt a. Main, Literarische Anstalt, Rütten & Loening, 1904

Wichtige Verwandte

Ehefrau

Maria Török

1872–1926

Marie Török stammte aus Budapest, wo sie Hugo Ganz während seiner Zeit als Korrespondent der Frankfurter Zeitung kennenlernte. Gemeinsam hatten sie zwei Kinder: Margit (1893) und Josef (1898). Nach dem Krieg zog sie mit Hugo in die Schweiz.

Margit Ganz
Tochter

Margit Ganz

1893–1975

Margit («Manzi») Ganz, Tochter von Hugo Ganz und Marie Török. In erster Ehe verheiratet mit dem Regisseur und Schauspieler Jakob Feldhammer, in zweiter Ehe mit Viktor von Tolnai (geb. 1897).

Josef Ganz
Sohn

Josef Ganz

1898–1967

Jüdischer Ingenieur und Automobilpionier, der als technischer Berater und Redakteur der Zeitschrift «Motor-Kritik» die Automobilentwicklung massgeblich beeinflusste. Er entwarf den Standard Superior (1933) und gilt als Erfinder der wesentlichsten Teile des Volkswagens.

josefganz.org/de

Veröffentlichungen

Hugo Ganz hinterliess ein beachtliches publizistisches Erbe. Seine Bücher und Schriften beleuchten die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit.

1888

Turnsaal und Exercierplatz

Beilage zum Programm des Grossherzoglichen Gymnasiums in Giessen

1903

Reiseskizzen aus Rumänien

Berlin: H. S. Hermann

1904

Vor der Katastrophe

Ein Blick ins Zarenreich. Skizzen und Interviews aus den russischen Hauptstädten, Frankfurt a. M.: Rütten & Loening

1907

Die preussische Polenpolitik

Unterredungen und Eindrücke, Frankfurt a. M.: Rütten & Loening

1915

Der Bundesbruder

Vortrag, Stuttgart: Österreichisch-Ungarischer Verein

1920

Friedensvertrag und Turnunterricht

Frankfurter Zeitung, 10. Januar 1920 (aus Luzern eingesandt)

1920

Welt-Wirtschaftsbund

Das letzte und einzige Mittel zur Errettung der Zivilisation, Bern: Verlag Dr. Gustav Grunau

Wissenschaftliche Arbeit

Die publizistische Persönlichkeit Hugo Ganz

Elisabeth Barth

Elisabeth Barths Dissertation (1989) widmet sich dem Leben und Werk von Hugo Ganz und seiner Bedeutung als Journalist und Osteuropa-Kenner. Die Arbeit – über 400 Seiten stark – analysiert sein publizistisches Schaffen und ordnet es in den historischen Kontext der Jahrhundertwende ein.

Hugo Ganz im Originalton

Eine Spurensuche mit Ueli Ganz

Von der Russlandreise 1904 bis zu den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg zieht sich durch Hugo Ganz' Werk eine wachsende Sorge: die Warnung vor dem aggressiven Nationalismus und die Suche nach Wegen seiner Überwindung. Sein 1904 erschienener «Vor der Katastrophe. Ein Blick ins Zarenreich» wurde in der im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften veröffentlichten Kurzbiographie als Werk bezeichnet, das «heute wie eine Prophezeiung anmutet». Einige seiner Gedanken aus der Zeit nach dem Weltkrieg decken sich überraschend präzise mit den Thesen der Hertensteiner Konferenz, die ein Vierteljahrhundert später stattfand. Die folgenden Auszüge — kuratiert von Ueli Ganz — geben einen Eindruck seiner Gedankenwelt.

Frühe Stimme

Aus «Turnsaal und Exercierplatz», 1888

Zwei Passagen aus Hugo Ganz' Reformschrift gegen den militärischen Drill im Turnunterricht — ein frühes Plädoyer für den denkenden Einzelnen.

  1. 1888

    Im Gegensatz zur militärischen Ausbildung, die die Einheitlichkeit der Masse bezweckt, ist der Endzweck der Schulbildung – somit auch des Turnens in der Schule – die Ausbildung des Einzelnen zur höchstmöglichen Leistungsfähigkeit und Harmonie seiner Körper- und Seelenkräfte.

  2. 1888

    Jener Soldat ist der beste, der am besten gedrillt ist; von den Schülern ist jener der beste, der am meisten denkt, und der gelernt hat, am selbständigsten zu denken.

Vor der Katastrophe

Die Russlandreise 1904

  1. 1904

    Ein Land mit 30 Millionen Gefangenen und einer Million Kerkermeistern.

    Über das russische Zarenreich, das Hugo Ganz mit seiner Frau bereiste

  2. 1904

    …dem Staat kann nicht geholfen werden. Er muss und wird in sich selbst zusammenbrechen.

    Notiz zu seiner Begegnung mit Tolstoi — selbst dieser konnte ihn nicht optimistischer für Russlands Zukunft stimmen

Nach der Katastrophe

Nach dem Ersten Weltkrieg

  1. 1919

    Es hat den Anschein, als ob es das Schicksal der weissen, übernational bisher unfähigen Rasse wäre, sich in periodischen Kämpfen selbst zu vernichten.

    Eintrag im Gästebuch der Villa Solina, 22. August 1919

  2. n. 1918

    Wir müssen den Frieden finanzieren, wie man den Krieg finanziert hat. Und wir müssen in der ganzen Presse und Literatur den Kampf aufnehmen gegen die Anmassung der Völkerverhetzung, gegen den aggressiven Nationalismus.

    Nach dem Ersten Weltkrieg

Zitate kuratiert von Ueli Ganz aus seiner Arbeit über Hugo und Alfred Ganz.

Chronologie

Jugend & Studium

1862 – 1885

Leben

  1. 1862

    Geburt am 24. April in Mainz als Sohn von Moritz und Karoline Ganz (geb. Diehl)

Wirken

  1. 1880

    Immatrikulation an der Ludwigs-Universität Giessen; Studium der Geschichte und Germanistik

  2. 1884

    Referendar am Grossherzoglichen Gymnasium in Giessen; Unterricht in Latein, Deutsch und Turnen

  3. 1885

    Promotion zum Dr. phil. mit der Dissertation «Stein, Schön und die Entstehung des Ediktes vom 9. Oktober 1807»

Pädagoge in Giessen

1884 – 1889

  1. 1888

    Veröffentlichung von «Turnsaal und Exercierplatz» – Reformschrift gegen den militärischen Drill im Turnunterricht

  2. 1889

    Ausscheiden aus dem Gymnasialdienst; Wechsel zum Journalismus beim «Pester Lloyd» in Budapest

Journalist in Mittel- und Osteuropa

1889 – 1918

Leben

  1. 1893

    Geburt der Tochter Margarete «Margit»

  2. 1898

    Geburt des Sohnes Josef Ganz in Budapest – der spätere Automobilpionier

Wirken

  1. 1889

    Korrespondent der «Frankfurter Zeitung» in Budapest

  2. 1899

    Redakteur der «Neuen Freien Presse» in Wien; Drama «Der Rebell» erscheint

  3. 1902

    Redakteur der Wiener Zeitung «Die Zeit»

  4. 1904

    Russlandreise mit seiner Frau; «Vor der Katastrophe. Ein Blick ins Zarenreich» erscheint

  5. 1907

    Feuilletonredakteur der «Frankfurter Zeitung»

  6. 1908

    Rückkehr zur Wiener Korrespondententätigkeit

Nach der Katastrophe

1918 – 1922

Leben

  1. 1918

    Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs legt Hugo seine Arbeiten nieder und zieht mit Marie in die Schweiz

  2. 1919

    Erholsamer Aufenthalt bei Bruder Alfred in der Villa Solina bei Luzern (Sommer)

  3. 1922

    Tod am 2. Januar in Frankfurt am Main

Wirken

  1. 1920

    «Friedensvertrag und Turnunterricht» erscheint in der Frankfurter Zeitung (10. Januar, aus Luzern eingesandt)

Quellen

  • Familien-Biographie (bereitgestellt von Lorenz Schmid)
  • Privates Fotoarchiv (bereitgestellt von Lorenz Schmid)
  • Hugo Ganz – Vor der Katastrophe, ein Blick ins Zarenreich, Frankfurt a. M.: Rütten & Loening, 1904 (im Besitz von Lorenz Schmid)
  • Neues Wiener Tagblatt, Nr. 3, 3.1.1922, S. 5 (Nachruf)
  • Die publizistische Persönlichkeit Hugo Ganz – ein Beitrag zum literarischen und politischen Journalismus der Jahrhundertwende (Dissertation, 1989) Elisabeth Barth
  • Die Brüder Alfred und Hugo Ganz und der moderne Sportunterricht – Die Geschichte einer Spurensuche (2024) Ueli Ganz
  • Kurzbiographie Hugo Ganz, in: Tagebuch 1917–1919, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Biographica, S. 400 Arthur Schnitzler austriaca.at (besucht am 1.4.2026)
  • Tagebuch, Kommentarteil – Erwähnungen Hugo Ganz, u.a. Eintrag vom 4. Mai 1910 Arthur Schnitzler schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at (besucht am 1.4.2026)
  • Hugo Markus Ganz Wikipedia de.wikipedia.org (besucht am 1.4.2026)

Digitale Archive

Viele von Hugo Ganz' Werken sind heute in digitalisierten historischen Zeitungsarchiven und Bibliothekskatalogen zugänglich.